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Kolumne
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von Christa Meves
Das entspricht gewiß einer Tendenz, die aber eher als Anlaß
denn als Ursache angesehen werden sollte. Es ist zwar bequem, einmal mehr
der Werbung den Schwarzen Peter in die Schuhe zu schieben mit der Behauptung,
sie schaffe bei den Kindern den Anreiz zur Bedürfnissteigerung, vor
allem wenn es darum ginge, es durch das Auftreten in teuren Klamotten zu
mehr Ansehen bei Klassenkameraden zu bringen; aber solche Motivation pflegt
viel eher eine Problematik von Jugendlichen zu sein. Sie taucht meist erst
in einem Alter auf, in dem man selbstkritisch an seinem Wert zweifelt und
fürchtet, in der Gruppe nicht mithalten zu können.
Bei stehlenden Kindern sind andere Motive vorrangig. Wenn in dieser
Altersgruppe die Kriminalität eskaliert, ist es notwendig, differenzierter
nach den Ursachen zu fragen. Forschungsergebnisse über die Ursachen
zu veröffentlichen, ist aber nach wie vor unerwünscht, obgleich
sich auf deren Boden bereits spätestens ab 1975 voraussagen ließ,
daß wir einem Boomen auf diesem Sektor der Kriminalität entgegensteuerten.
Stehlen im Wohlstand, so konnte man als Fachfrau damals wohl bereits wissen,
ist ein Zeichen für einen erheblichen Mangelzustand in den seelischen
Bedürfnissen der Heranwachsenden. Unwissenheit über die Urbedürfnisse
der Kleinkinder, Unverwahrtheit, Vernachlässigung, Alleingelassensein,
Lieblosigkeit, Zerrissenheit zwischen getrennt-lebenden Eltern in den späteren
Jahren können bewirken, daß in vitalen Kindern der Versuch,
dem inneren Mangelzustand durch Übergriffe auszugleichen, sich zur
Stehlsucht ausweitet; denn die gestohlenen Materialien löschen schließlich
nicht den inneren Hunger nach Liebe, Geborgenheit und Anerkennung. Sucht
ist grundsätzlich Suche am falschen Ort.
Die Situation auf diesem Feld wurde in den vergangenen 25 Jahren besonders
aussichtslos, weil nicht nur immer mehr Kinder durch Scheidungsschicksal,
durch den zu frühen Einstieg der Mütter ins Erwerbsleben, ein
solches seelisches Defizit erwarben, sondern der öffentliche Trend
die Manifestation von immer mehr diebischen Übergriffen förderte:
indem der Ladendiebstahl geradezu legitimiert wurde - die Kaufhauskönige
seien ohnehin alle nur Ausbeuter! - , indem die Straftaten immer legerer
geahndet wurden (der Justizminister von Nordrhein-Westfalen ließ
sogar den Ladendiebstahl bis zu 90 DM bei erstmaligem Ertappt-Werden ungeahndet),
und indem Helmut Schmidt als Bundeskanzler diese Delikte als vorübergehende
Bagatelle beschönigte, indem er erklärte: Wir klauten früher
Äpfel, heute klauen die Kinder eben in den Selbstbedienungsläden."
Daß hier besonders im Boomen der Ladendiebstähle ein bedenkliches
Symptom zu erkennen sei, das eine Entwicklung anzeige, die eventuell auf
die schiefe Bahn, zur Verwahrlosung und zum Mißglücken des Lebensentwurfs
führt, wollte niemand der Verantwortlichen hören; denn dann hätte
man energische Maßnahmen zur Stärkung der Familie, durch Subventionierung
der Mütter anberaumen müssen. Die gekonnte Betreuung der Kinder
in der Familie und der Rückkehr zu einer christlichen Werteerziehung
in der Schule hätte diese die Allgemeinheit gefährdende Entwicklung
stoppen können. Aber der Trend ging mit scheuklappenähnlicher
Blindheit statt dessen hin zu immer mehr kollektivierter, institutioneller
Betreuung der Kinder, um nur ja zu verhindern, daß "des Weibes Los"
je wieder "ach, so begrenzt" sein würde wie zu Goethes Zeiten – ging
hin zu einem Wertepluralismus in der Schule, der den Kindern die so notwendige
ethische Orientierung zunehmend mehr vorenthielt.
Die noch viel höhere Zahl der jungen Klauer in den neuen Ländern
bestätigt diese kinderpsychotherapeutische Erfahrung. Zwischen 150
% und 250 % liegt dort die Steigerungsrate der Kinderkriminalität.
Das rigorose Vorgehen gegen Diebe und Räuber in der Diktatur DDR hatte
zwar mehr oder weniger verhindert, daß das seelische Defizit manifest
wurde; aber nachdem dieser eiserne Riegel abmontiert war, schaffte sich
wie unter Druck der Seelenhunger entlastend Luft; denn da in der DDR wesentlich
mehr Kinder unpersönlich in Krippen und Heimen betreut worden waren,
ist nun auch das Defizit in größerer Quantität vorhanden.
Und auch die schulische Orientierung hin zum gemeinschaftlichen Ziel "Arbeiterparadies"
fiel fort. Der so hohe Diebstahlslevel ist also ein Indikator, den der
Fachmann, wenn er bei der Wahrheit blieb, wohl ebenfalls im Voraus wissen
konnte; denn bereits bei den wenigen in der DDR kollektiv aufgezogenen
Kindern, die vorher durch den eisernen Vorhang in den Westen kamen, konnte
man bereits diese hier rasch sichtbar werdende noch größere
Diebstahlsneigung als bei den Kindern in den alten Ländern feststellen.
Aber nun - so tönt es durch die Lande - sei es die Arbeitslosigkeit
und die neue Armut, die das Elend hervorriefen. Doch der Anstieg, besonders
bei den Ladendiebstählen, betrifft – wie die FAZ in einem Bericht
vom 19.3.98 schreibt – alle soziale Schichten. Selbst wenn die "neue Armut"
als eine der Ursachen einzubeziehen ist, ließe sie sich also nicht
allein für diese enorme Steigerung der Kinderkriminalität allein
verantwortlich machen.
Es darf auch nicht außer acht gelassen werden, daß die moralische
Einstellung von Kindern sehr wesentlich noch ein tiefgreifender Spiegel
der moralischen Einstellung derjenigen Erwachsenen ist, unter deren Einfluß
sie stehen. Manche Kinder stehlen heute in Deutschland, weil sie von Erwachsenen
für Beutezüge geradezu benutzt werden; denn Kinder sind nun einmal
nicht strafmündig und können infolgedessen strafrechtlich nicht
geahndet werden. In solchen Fällen sind die Kinder höchst bedenkliche
Manipulationsobjekte von kriminellen Erwachsenen; denn das Einüben
in Diebstahl und Raub, das Sanktionieren solchen Verhaltens durch die Erwachsenen
in ihrem näheren Umkreis schafft eine verheerend negative Prognose
für die Lebensgestaltung dieser Kinder. Durch die Mißachtung
des Eigentumsrechtes wird es versäumt, das in diesem Alter zu lernende
Unrechtsbewußtsein in bezug auf Eigentumsverstöße zu fördern.
Eine notwendige Prägung kann so ausbleiben und eine kriminelle Karriere
einbahnen.
Häufig gründen Motive dieser Art auch in einer zunehmenden
Enttäuschung der ehemaligen DDR-Einwohner über das Leben im "Kapitalismus".
Dann feiert die anarchistische Devise des Marxismus, die bösen Ausbeuter
zu schädigen, Urständ und vermitteln den Kindern durch die Erwachsenen
eine scheinbare Legitimation zum Diebstahl und Raub, nach dem heldischen
Motto: "Zeig‘s den dreckigen Kapitalistenschweinen!"
Gewiß sollte man ebenso den negativen Einfluß von unmoralischen
Fernsehsendungen nicht unterschätzen, besonders im Hinblick auf die
Zunahme von Gewaltdelikten bilden sie einen bedenklichen Vormacher; aber
die negativen Einflüsse der Medien erweisen sich – so zeigt die Erfahrung
– dennoch als unwirksam, wenn ein liebevolles Elternhaus sich gekonnt um
eine angemessene Pflege des Säuglings und – im Verein mit einer intakten
Kindergarten- und Schulpädagogik – eine moralische Erziehung des Klein-
und Schulkindes bemüht.
Die Eskalation der Kinderkriminalität bedeutet eine große
Herausforderung unserer Politiker. Sie sollte jungen Familien Rahmenbedingungen
zur Verfügung stellen, in denen es den Eltern möglich ist, sich
mit genug Zeit liebevoll der heute besonders schwer gewordenen Erziehungsaufgabe
zu widmen, und die Kultusminister sollten sich um eine bereinigende Aufforstung
ihrer Lehrpläne kümmern.
Aber in den hohen Etagen der Politik ist die Kinderkriminalität
nur eine Peanut, um die sich niemand so recht kümmert. Doch sie ist
ein bedenkliches Mene-Tekel an der Wand unserer Gesellschaft. Sie bleibt
ein halsbrecherisches und das heißt verantwortungsloses Versäumnis
der Verantwortlichen. Die Sache ist nicht damit auch nur erkannt, geschweige
denn angepackt, daß die Bundesfamilienministerin Nolte mit Vorträgen
durch die Lande zieht und erzählt, daß auch sie in einer Krippe
gewesen und dennoch etwas geworden sei - womit sie frenetischen Beifall
zu ernten pflegt.
Es bedarf letztlich noch nicht einmal der Fakten einer Erfahrungswissenschaft,
um hier alarmiert zu werden. Bereits der Volksmund hat Ratschläge
zur Vorbeugung parat, die Wahrheit enthalten: "Was ein Häkchen werden
will, krümmt sich beizeiten", weiß er, oder: "Wehret den Anfängen!",
"Die Katze läßt das Mausen nicht", "Was Hänschen nicht
lernt, lernt Hans nimmermehr!", "Pastors Kinder, Müllers Vieh, gedeihen
selten oder nie" (weil nämlich die Pastorenfrau und der Müller
zu viel anderes zu tun haben), sind schlichte Weisheiten, die eher voranhelfen
können als Ursachentheorien vom grünen Tisch herunter, die auf
ideologischen Vorstellungen beruhen.
Von Anbeginn dieser Fehlentwicklung an hat es sich nicht um ein paar
kleine, zu vernachlässigende Mißstände im Volksganzen gehandelt,
sondern um ein schwerwiegendes Existenzproblem. Kein Seehofer und kein
Blüm werden das schwerleibige Schiff Bundesrepublik durch teuer werdende
Reparaturen manövrierfähig erhalten können, wenn nicht schnellstens
das Grundproblem angepackt wird: Die Mütter so aufzuwerten, sie so
sicher zu stellen, das sie mit Freuden ihren Kindern so lange ein fest
einbindendes Nest bieten, bis diese kräftig genug sind, um durch ehrliche
Arbeit selbst für ihren Lebensunterhalt zu sorgen. Ein Staat, der
vornehmlich aus Krippen, Heimen, schlaffen Schulen ohne Kontur, Resozialisierungseinrichtungen
und Gefängnissen besteht, kann keine Zukunft haben.
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