Kolumne 
Kinderkriminalität boomt
von Christa Meves


Mit 143.000 tatverdächtigen Jungen und Mädchen unter 14 Jahren hat die Kinderkriminalität eine Steigerungsrate von 80 % in den vergangenen fünf Jahren zu verzeichnen und damit einen Höchststand erreicht. Die Ursachen für diese bedenkliche Erscheinung werden gleich mitgeliefert: Es handle sich um eine "Mediatisierung und Kommerzialisierung von Kindheit", so läßt sich das Kinderhilfswerk vernehmen. Zumindest bei dem mit 55 % am meisten erfaßten Bereich – dem Ladendiebstahl – sei das der Fall.

Das entspricht gewiß einer Tendenz, die aber eher als Anlaß denn als Ursache angesehen werden sollte. Es ist zwar bequem, einmal mehr der Werbung den Schwarzen Peter in die Schuhe zu schieben mit der Behauptung, sie schaffe bei den Kindern den Anreiz zur Bedürfnissteigerung, vor allem wenn es darum ginge, es durch das Auftreten in teuren Klamotten zu  mehr Ansehen bei Klassenkameraden zu bringen; aber solche Motivation pflegt viel eher eine Problematik von Jugendlichen zu sein. Sie taucht meist erst in einem Alter auf, in dem man selbstkritisch an seinem Wert zweifelt und fürchtet, in der Gruppe nicht mithalten zu können.

Bei stehlenden Kindern sind andere Motive vorrangig. Wenn in dieser Altersgruppe die Kriminalität eskaliert, ist es notwendig, differenzierter nach den Ursachen zu fragen. Forschungsergebnisse über die Ursachen zu veröffentlichen, ist aber nach wie vor unerwünscht, obgleich sich auf deren Boden bereits spätestens ab 1975 voraussagen ließ, daß wir einem Boomen auf diesem Sektor der Kriminalität entgegensteuerten. Stehlen im Wohlstand, so konnte man als Fachfrau damals wohl bereits wissen, ist ein Zeichen für einen erheblichen Mangelzustand in den seelischen Bedürfnissen der Heranwachsenden. Unwissenheit über die Urbedürfnisse der Kleinkinder, Unverwahrtheit, Vernachlässigung, Alleingelassensein, Lieblosigkeit, Zerrissenheit zwischen getrennt-lebenden Eltern in den späteren Jahren können bewirken, daß in vitalen Kindern der Versuch, dem inneren Mangelzustand durch Übergriffe auszugleichen, sich zur Stehlsucht ausweitet; denn die gestohlenen Materialien löschen schließlich nicht den inneren Hunger nach Liebe, Geborgenheit und Anerkennung. Sucht ist grundsätzlich Suche am falschen Ort.

Die Situation auf diesem Feld wurde in den vergangenen 25 Jahren besonders aussichtslos, weil nicht nur immer mehr Kinder durch Scheidungsschicksal, durch den zu frühen Einstieg der Mütter ins Erwerbsleben, ein solches seelisches Defizit erwarben, sondern der öffentliche Trend die Manifestation von immer mehr diebischen Übergriffen förderte: indem der Ladendiebstahl geradezu legitimiert wurde - die Kaufhauskönige seien ohnehin alle nur Ausbeuter! - , indem die Straftaten immer legerer geahndet wurden (der Justizminister von Nordrhein-Westfalen ließ sogar den Ladendiebstahl bis zu 90 DM bei erstmaligem Ertappt-Werden ungeahndet), und indem Helmut Schmidt als Bundeskanzler diese Delikte als vorübergehende Bagatelle beschönigte, indem er erklärte: Wir klauten früher Äpfel, heute klauen die Kinder eben in den Selbstbedienungsläden."

Daß hier besonders im Boomen der Ladendiebstähle ein bedenkliches Symptom zu erkennen sei, das eine Entwicklung anzeige, die eventuell auf die schiefe Bahn, zur Verwahrlosung und zum Mißglücken des Lebensentwurfs führt, wollte niemand der Verantwortlichen hören; denn dann hätte man energische Maßnahmen zur Stärkung der Familie, durch Subventionierung der Mütter anberaumen müssen. Die gekonnte Betreuung der Kinder in der Familie und der Rückkehr zu einer christlichen Werteerziehung in der Schule hätte diese die Allgemeinheit gefährdende Entwicklung stoppen können. Aber der Trend ging mit scheuklappenähnlicher Blindheit statt dessen hin zu immer mehr kollektivierter, institutioneller Betreuung der Kinder, um nur ja zu verhindern, daß "des Weibes Los" je wieder "ach, so begrenzt" sein würde wie zu Goethes Zeiten – ging hin zu einem Wertepluralismus in der Schule, der den Kindern die so notwendige ethische Orientierung zunehmend mehr vorenthielt.

Die noch viel höhere Zahl der jungen Klauer in den neuen Ländern bestätigt diese kinderpsychotherapeutische Erfahrung. Zwischen 150 % und 250 % liegt dort die Steigerungsrate der Kinderkriminalität. Das rigorose Vorgehen gegen Diebe und Räuber in der Diktatur DDR hatte zwar mehr oder weniger verhindert, daß das seelische Defizit manifest wurde; aber nachdem dieser eiserne Riegel abmontiert war, schaffte sich wie unter Druck der Seelenhunger entlastend Luft; denn da in der DDR wesentlich mehr Kinder unpersönlich in Krippen und Heimen betreut worden waren, ist nun auch das Defizit in größerer Quantität vorhanden. Und auch die schulische Orientierung hin zum gemeinschaftlichen Ziel "Arbeiterparadies" fiel fort. Der so hohe Diebstahlslevel ist also ein Indikator, den der Fachmann, wenn er bei der Wahrheit blieb, wohl ebenfalls im Voraus wissen konnte; denn bereits bei den wenigen in der DDR kollektiv aufgezogenen Kindern, die vorher durch den eisernen Vorhang in den Westen kamen, konnte man bereits diese hier rasch sichtbar werdende noch größere Diebstahlsneigung als bei den Kindern in den alten Ländern feststellen.

Aber nun - so tönt es durch die Lande - sei es die Arbeitslosigkeit und die neue Armut, die das Elend hervorriefen. Doch der Anstieg, besonders bei den Ladendiebstählen, betrifft – wie die FAZ in einem Bericht vom 19.3.98 schreibt – alle soziale Schichten. Selbst wenn die "neue Armut" als eine der Ursachen einzubeziehen ist, ließe sie sich also nicht allein für diese enorme Steigerung der Kinderkriminalität allein verantwortlich machen.

Es darf auch nicht außer acht gelassen werden, daß die moralische Einstellung von Kindern sehr wesentlich noch ein tiefgreifender Spiegel der moralischen Einstellung derjenigen Erwachsenen ist, unter deren Einfluß sie stehen. Manche Kinder stehlen heute in Deutschland, weil sie von Erwachsenen für Beutezüge geradezu benutzt werden; denn Kinder sind nun einmal nicht strafmündig und können infolgedessen strafrechtlich nicht geahndet werden. In solchen Fällen sind die Kinder höchst bedenkliche Manipulationsobjekte von kriminellen Erwachsenen; denn das Einüben in Diebstahl und Raub, das Sanktionieren solchen Verhaltens durch die Erwachsenen in ihrem näheren Umkreis schafft eine verheerend negative Prognose für die Lebensgestaltung dieser Kinder. Durch die Mißachtung des Eigentumsrechtes wird es versäumt, das in diesem Alter zu lernende Unrechtsbewußtsein in bezug auf Eigentumsverstöße zu fördern. Eine notwendige Prägung kann so ausbleiben und eine kriminelle Karriere einbahnen.

Häufig gründen Motive dieser Art auch in einer zunehmenden Enttäuschung der ehemaligen DDR-Einwohner über das Leben im "Kapitalismus". Dann feiert die anarchistische Devise des Marxismus, die bösen Ausbeuter zu schädigen, Urständ und vermitteln den Kindern durch die Erwachsenen eine scheinbare Legitimation zum Diebstahl und Raub, nach dem heldischen Motto: "Zeig‘s den dreckigen Kapitalistenschweinen!"

Gewiß sollte man ebenso den negativen Einfluß von unmoralischen Fernsehsendungen nicht unterschätzen, besonders im Hinblick auf die Zunahme von Gewaltdelikten bilden sie einen bedenklichen Vormacher; aber die negativen Einflüsse der Medien erweisen sich – so zeigt die Erfahrung – dennoch als unwirksam, wenn ein liebevolles Elternhaus sich gekonnt um eine angemessene Pflege des Säuglings und – im Verein mit einer intakten Kindergarten- und Schulpädagogik – eine moralische Erziehung des Klein- und Schulkindes bemüht.

Die Eskalation der Kinderkriminalität bedeutet eine große Herausforderung unserer Politiker. Sie sollte jungen Familien Rahmenbedingungen zur Verfügung stellen, in denen es den Eltern möglich ist, sich mit genug Zeit liebevoll der heute besonders schwer gewordenen Erziehungsaufgabe zu widmen, und die Kultusminister sollten sich um eine bereinigende Aufforstung ihrer Lehrpläne kümmern.

Aber in den hohen Etagen der Politik ist die Kinderkriminalität nur eine Peanut, um die sich niemand so recht kümmert. Doch sie ist ein bedenkliches Mene-Tekel an der Wand unserer Gesellschaft. Sie bleibt ein halsbrecherisches und das heißt verantwortungsloses Versäumnis der Verantwortlichen. Die Sache ist nicht damit auch nur erkannt, geschweige denn angepackt, daß die Bundesfamilienministerin Nolte mit Vorträgen durch die Lande zieht und erzählt, daß auch sie in einer Krippe gewesen und dennoch etwas geworden sei - womit sie frenetischen Beifall zu ernten pflegt.

Es bedarf letztlich noch nicht einmal der Fakten einer Erfahrungswissenschaft, um hier alarmiert zu werden. Bereits der Volksmund hat Ratschläge zur Vorbeugung parat, die Wahrheit enthalten: "Was ein Häkchen werden will, krümmt sich beizeiten", weiß er, oder: "Wehret den Anfängen!", "Die Katze läßt das Mausen nicht", "Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr!", "Pastors Kinder, Müllers Vieh, gedeihen selten oder nie" (weil nämlich die Pastorenfrau und der Müller zu viel anderes zu tun haben), sind schlichte Weisheiten, die eher voranhelfen können als Ursachentheorien vom grünen Tisch herunter, die auf ideologischen Vorstellungen beruhen.

Von Anbeginn dieser Fehlentwicklung an hat es sich nicht um ein paar kleine, zu vernachlässigende Mißstände im Volksganzen gehandelt, sondern um ein schwerwiegendes Existenzproblem. Kein Seehofer und kein Blüm werden das schwerleibige Schiff Bundesrepublik durch teuer werdende Reparaturen manövrierfähig erhalten können, wenn nicht schnellstens das Grundproblem angepackt wird: Die Mütter so aufzuwerten, sie so sicher zu stellen, das sie mit Freuden ihren Kindern so lange ein fest einbindendes Nest bieten, bis diese kräftig genug sind, um durch ehrliche Arbeit selbst für ihren Lebensunterhalt zu sorgen. Ein Staat, der vornehmlich aus Krippen, Heimen, schlaffen Schulen ohne Kontur, Resozialisierungseinrichtungen und Gefängnissen besteht, kann keine Zukunft haben.

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