|
Kolumne
|
|
von Andrea Dillon
Heute sind wir imstande, die Frage: "Wie funktioniert das Gehirn?" tatsächlich
zu stellen; denn eine Revolution in Molekularbiologie und Genforschung
hat uns gänzlich neue Dimensionen eröffnet. Mit Hilfe einer neuartigen
Technologie zur visuellen Erfassung, die die chemischen "Spuren" von Gedanken
und Gefühlen "sichtbar" machen kann, sobald sie entstehen (sog. MRI,
Magnetic Resonance Imaging, oder PET, Positronenemissions-tomographie),
haben die Wissenschaftler in den vergangenen zehn Jahren mehr über
die Funktionsweise des menschlichen Gehirns gelernt als je zuvor in der
Geschichte. Und das Wissen darüber verdoppelt sich derzeit alle fünf
bis zehn Jahre.
Zwei der überraschendsten und grundlegendsten Entdeckungen besagen,
daß das Gehirn sich mit Hilfe der Außenwelt selbst formt und
daß es entscheidende Entwicklungsphasen durchläuft, in denen
die Gehirnzellen auf gewisse Arten der Reizbeeinflussung angewiesen sind,
um irgendwelche Fähigkeiten überhaupt aufbauen zu können.
Die althergebrachte Vorstellung von einem statischen Gehirn, das den Lernprozeß
ganz allmählich nach einem festgelegten, unveränderlichen Regelsortiment
angeht - etwa wie ein Kassettenrecorder, der jedes Wort aufnimmt, das ihm
gerade ins Mikrofon läuft - wird durch diese neuen Entdeckungen völlig
widerlegt.
Es ist eine faszinierende Entdeckung, daß die Außenwelt
in der Tat die eigentliche Nahrung des Gehirns darstellt und über
seine Sinne: Sehen, Hören, Riechen, Fühlen und Schmecken aufgenommen
wird. Dann wird die derart aufgesogene Welt in Form von Billionen von Verbindungen
zwischen den Gehirnzellen wieder zusammengesetzt, den sog. Synapsen, die
ständig wachsen und vergehen oder aber stärker oder schwächer
werden - je nachdem, wie reichhaltig die Außeneindrücke ausgefallen
sind.
Bringt man ein Baby zum Lächeln, zum fröhlichen Vor-sich-hin-Brabbeln
oder dazu, sich an einem Finger festzuhalten, dann mag das Spaß machen
- aber es ist wesentlich mehr als nur ein Spiel. Es handelt sich hier um
ernsthafte Aufbauarbeit am Gehirn. Jede Reaktion des Kindes ist ein sichtbarer
Ausdruck dessen, was sich in seinem Gehirn abspielt: Millionen von Hirnzellen
beschießen sich untereinander mit Anweisungen, die der Prägung
lebenswichtiger neuronaler Netzwerke dienen.
Es ist eine ebenso phantastische wie provokante Entdeckung: Das Gehirn
eines Kleinkindes wächst und gedeiht mit der Rückkopplung, die
es von seiner Umwelt erhält. Es selbst bildet sich durch die Erfahrungen,
die es macht, zum denkenden und fühlenden Organ heran. Diese Erfahrungen
nimmt es in Form von Klängen, visueller Stimulation, Berührungen,
Gerüchen, Geschmacksreizen und durch die besonders wichtige Interaktion
mit anderen Menschen auf - Geben und Nehmen.
Die synaptischen Netzwerke werden bereits im Laufe des ersten Lebensjahres
ausgebildet und versetzen uns später in die Lage, Assoziationen zu
bilden und abstrakt zu denken - die Grundlage für unsere spätere
Intelligenz, unser Vorstellungsvermögen und unsere Kreativität.
Diese Netzwerke können aber auch verkümmern, wenn mit den frühkindlichen
Erfahrungen nicht auch eine entsprechende geistige Stimulation einhergeht
oder wenn sie zu sehr mit Streß befrachtet sind. Die Anzahl der Worte,
die ein Säugling täglich zu hören bekommt, hat einen geradezu
dramatischen Einfluß auf den Aufbau seines Gehirns und seine spätere
Intelligenz, seine sozialen Umgangsformen und seinen schulischen Werdegang.
Musik, vor allem klassische, wirkt auf das sich entwickelnde Gehirn ähnlich
wie ein Fitneßpräparat auf den Bodybuilder; denn sie trainiert
dieselben neuralen Netzwerkstrukturen, die uns das Lernen und Erinnern
möglich machen, und erleichtert dem Gehirn so die Entwicklung seiner
geistigen Kapazität.
Es sind dies ganz erstaunliche Konzeptionen, die unsere Auffassung zur
frühkindlichen Entwicklung nachhaltig verändern. Weil am Lebensanfang
besonders in den ersten drei Jahren das Gehirn wenig oder falsch stimuliert
sein kann, sind bereits viele Schulanfänger schon am ersten Schultag
mit intellektuellen oder psychischen Mängeln behaftet, die durch eine
frühzeitige angemessene geistige Stimulation hätten verhindert
werden können. Die Emotionalität wurde negativ besetzt, mit Angst,
statt mit Vertrauen, mit Mißstimmung, statt mit Lebenskraft, mit
Unzufriedenheit, statt mit Zuwendungsbereitschaft.
Amerika hat auf diese Erkenntnisse bereits reagiert. Präsident
Clinton berief im April 1997 eine While-House-Conference on Early Childhood
Development and Learning: What New Research on the Brain Tells Us About
Our Youngest Children" ein, um eine nationale Kampagne unter dem Titel
"I am your child The First Years Last Forever" zu starten. Beteiligt
war das ganze Land: Universitäten, Künstler, Schauspieler, Fernsehprogramme,
Radiosendungen, Wissenschaftler, Institutionen, Politiker, Wirtschaftsfachleute,
Gesundheits-spezialisten, Gemeindevorsteher, Glaubensgemeinschaften. Über
60 Satellitenverbindungen wurde tagelang über die erwähnten Ergebnisse
berichtet; Millionen von kostenlosen Broschüren "I am your child"
sind seither verteilt worden, mit dem Ziel, jedes einzelne Elternpaar der
Vereinigten Staaten damit zu erreichen. CD-Roms wurden produziert, Internetsites
eingerichtet, alle nur möglichen modernen Massenkommunikationsmittel
herangezogen. Expertenratschläge wurden ebenso angeboten wie Listen
mit empfohlenen Büchern und Sondervideos. Die führenden Wissenschafts-Magazine
des Landes so z.B. Newsweek u.a. erklärten sich bereit, Sonderausgaben
zu drucken und zu verteilen. Nicht nur junge Familien sollten mit dem notwendigen
neuen Wissen versorgt werden, sondern in der gesamten Öffentlichkeit
wollte man ein Bewußtsein für die Wichtigkeit der ersten drei
Lebensjahre schaffen.
Das Echo war phänomenal. Das Präsidentenpaar hatte sich auch
entsprechend mit vor den Karren gespannt, und Bill Clinton hat seither
eine Vielzahl eindrucksvoller Reden zum Thema "Familie" gehalten: auf Kongressen,
öffentlichen Veranstaltungen, in den wöchentlichen Radioansprachen,
innerhalb seiner Konferenzen u.a.m.
Am 12. April 97 sagte Clinton z.B. in der Eröffnungsrede eines
großen Familienkongresses, bei der er sowohl die Bereitstellung von
322 Millionen Dollar pro Jahr wie auch seinen Einsatz für die Reanimierung
der Familie durch umfängliche neue Programme ankündigte, um den
Kindern mehr Chancen zu einer seelisch gesunden Entwicklung zu ermöglichen,
zum Schluß
O-Ton Clinton in einer Rede vom 8. Oktober 1997:
Die neueste Forschung hat gezeigt, daß ein Kind, das liebevolle,
anteilnehmende Eltern hat und dem eine angemessene Vorschulerziehung oder
sonst eine Förderung mit angemessenem erzieherischem Aspekt zuteil
wird, daß ein solches Kind also bis zu seinem vierten Lebensjahr
ca. 700.000 positive Verknüpfungen in seinem sich entwickelnden "Hirn-Computer"
herstellt. Ein Kind dagegen, das eher sich selbst überlassen wird,
das Eltern hat, die nie gelernt haben, ihrer erzieherischen Aufgabe nachzukommen,
hat ungefähr nur 150.000 solcher positiven Verknüpfungen herstellen
können das heißt weniger als ein Viertel.
Und in einer Radio-Ansprache vom 4. Oktober 1997 hatte der Präsident
ausdrücklich betont:
Das Echo innerhalb der USA war denn auch so überwältigend,
daß das Präsidentenpaar sich veranlaßt sah, im Oktober
1997 eine zweite White-House-Conference einzuberufen, diesmal unter dem
Schwerpunkt "Child Care" also Kinderbetreuung, Kinderpflege. Es ging
ihnen vor allem um die Frage, wie man es in Amerika, dem Land, in dem die
Mehrzahl beider Eltern berufstätig ist, gewährleisten könne,
daß die Kleinkinder in bezug auf die notwendigen Stimuli für
ihre optimale Entwicklung dabei nicht zu kurz kämen.
Denn die revolutionären Entdeckungen in der Hirnforschung setzen
auch eindeutige Warnsignale, was z.B. den Nutzen von Kindertagesstätten
betrifft. Das Abschieben der Kinder in anregungsarme Umgebungen, während
die Eltern bei der Arbeit sind, kann die Entwicklung ihrer Gehirne beeinträchtigen.
Die Kindertagesstätten wenn man sie denn schon in Anspruch nimmt
- müssen daher, so folgerten die von Clinton eingesetzten Experten,
auf den neuesten Stand gebracht und laufend überprüft werden,
damit den Kindern in den entscheidenden ersten Lebensjahren ein Optimum
an Lernerfahrungen für den Aufbau ihrer Gehirne zur Verfügung
gestellt wird.
Das neue Verständnis des Gehirns ist eine Herausforderung an sämtliche
starren und tief verwurzelten Dogmen, mit denen im Hinblick auf Bereiche
wie etwa Aus- und Fortbildungswesen, Kindererziehung, kriminelles Verhalten,
Behandlung von früher als unheilbar eingestuften Geisteskrankheiten
oder die Steigerung von Gedächtnisleistungen behaftet sind.
Informationen fließen mit spielerischer Leichtigkeit durch "Fenster"
in das Gehirn ein, die nur für eine kurze Zeit geöffnet bleiben
(man spricht auch von sensiblen Phasen, Prägungsphasen). Diese Entwicklungsfenster
treten von Geburt an bis zum 12. Lebensjahr jeweils in Phasen auf, in denen
das Gehirn am eifrigsten von seiner Umgebung lernt. In diesem Zeitraum
- insbesondere während der ersten drei Lebensjahre - werden die Grundlagen
für Denken, Sprache, Gesichtssinn, Verhaltensmuster, Begabungen und
andere Charakteristika gelegt. In dieser Zeit lernt das Kind, seine elementaren
Bedürfnisse nach Sättigung, Bindung, Zärtlichkeit, Selbstbehauptung
und Besitz zu befriedigen oder es wird in einer seelisch krankmachenden
Weise daran gehindert. Diese frühe Lernphase ist von entscheidender
Bedeutung; denn so weiß die Hirnforschung danach schließen
sich die Fenster wieder, und ein wesentlicher Teil des Gehirnaufbaus ist
zur Vollendung gelangt.
Es ist so eine Art Nichtumkehrbarkeit, die dann einsetzt. In den frühen
Phasen haben wir diesen Formungsprozeß, und dann, am Ende dieses
Prozesses - sagen wir, im Alter von zwei, drei oder auch vier Jahren -
steht da der fertige Prototyp eines Gehirns, das sich in den wesentlichen
Bereichen wahrscheinlich nicht mehr allzusehr verändern wird.
Nicht, daß alles verloren wäre, wenn diese frühe Lernphase
nicht optimal verlaufen ist. Unter Verwendung des Instrumentariums, das
der Formungsprozeß von Hirnzellen und ihren Verbindungselementen
hinterlassen hat, gibt das Gehirn seinem Besitzer eine zweite große
Chance, die bis etwa zum 12. Lebensjahr offensteht. Ja, selbst danach
hört das Gehirn nie mit dem Lernen auf Allerdings muß dafür
dann ein Preis bezahlt werden. Das Lernen geht dann nicht mehr so
leicht von der Hand, es fällt einem später immer schwerer - wie
jeder Erwachsene weiß, der einmal versucht hat, eine Fremdsprache
zu erlernen. Für ein Kind ist es einfach, fremde Sprachen aufzunehmen.
Neuere Untersuchungen zeigen, daß eine geeignete Stimulation sich
auf folgende Hirnfunktionen auswirkt:
Sprache. Kinder, deren Mütter häufig mit ihnen
sprechen, weisen weit bessere Sprachfertigkeiten auf als Kinder von Müttern,
die selten etwas zu ihnen sagen. Nach ungefähr dem zwölften Lebensjahr
nimmt die Fähigkeit, neue Sprachen zu erlernen, rapide ab.
Bilder. Ein Mangel an visueller Stimulation bei der Geburt
wird jene Gehirnzellen, die für die Bildverarbeitung zuständig
sind, dazu veranlassen, entweder zu Vertrocknen oder aber andere Aufgaben
zu übernehmen. So können vollkommen gesunde Augen unter Umständen
auf Dauer blind bleiben. Diese Entdeckung hat bereits das Augenlicht Tausender
Säuglinge retten können, die mit einem das Sehvermögen behindernden
grauen Star zur Welt gekommen sind - der heutzutage so schnell wie möglich
nach der Geburt entfernt wird.
Hirnkapazität. Pionierstudien belegen, daß der Intelligenzquotient
von Kindern, die in ärmliche Verhältnisse hineingeboren wurden,
wie auch der von Frühgeborenen durch eine Reizbeeinflussung in Form
von Spielzeug, Worten, angemessener elterlicher Fürsorge und anderen
Stimuli signifikant angehoben werden kann.
Aggression. Wird es in einem frühen Entwicklungsstadium
Gewalt, Streß oder anderen Formen umweltbedingter Belastungen ausgesetzt,
so kann dies für das Gehirn zur Folge haben, daß es quasi mit
"überhöhter Drehzahl" arbeitet und so Gefahr läuft, impulsive
Handlungen oder Bluthochdruck auszulösen.
Emotionen. Kinder, die noch im Mutterleib unvorhersehbaren Belastungssituationen
ausgesetzt werden, entwickeln ein ängstliches Wesen. Ein überdurchschnittliches
Bemuttern des Neugeborenen hat jedoch eine gegenteilige Wirkung zur Folge:
Es vermittelt ihm Selbstvertrauen und einen verstärkten Forscherdrang.
Berührung. Frühgeborene, deren Sinneswahrnehmung
dadurch aktiviert wird, daß sie im Arm gehalten und liebkost werden,
sind geistig beweglicher und körperlich widerstandsfähiger als
solche, die routinemäßig in Inkubatoren isoliert bleiben. Daraus
ist in den USA bereits das sog. Känguruh-Prinzip entwickelt worden.
Die Mutter wird in der Klinik dazu aufgefordert, das Frühchen möglichst
viel an ihrem Leib zu tragen.
Bildung. Die beste Zeit, Fremdsprachen, Mathematik, Musik
und andere spezielle Fertigkeiten zu erlernen, liegt zwischen dem ersten
und dem 12. Lebensjahr. Dennoch verstreichen gerade diese Jahre
meist ungenutzt, weil man den jungen Leuten Gelegenheit geben will, "ihre
Kindheit zu genießen".
Diejenigen Aspekte der Hirnentwicklung, die am engsten mit dem menschlichen
Verhalten verquickt sind, die später kraftvollen Optimismus oder einen
schwierigen Charakter zur Folge haben, können also durch die Aufmerksamkeit,
die wir unseren Säuglingen und Kleinkindern zuwenden oder versagen,
zum Guten oder zum Schlechten beeinflußt werden. Diese Erkenntnis
stellt uns vor einen moralischen und sozialen Imperativ, der da lautet:
Man muß die Hirnschäden verhindern oder heilen, die während
der entscheidenden Entwicklungsphasen des Gehirns vor der Geburt und in
der Kindheit durch einen Mangel an geeigneter Stimulation von außen
entstehen.
Würde das kollektive Gewissen der Öffentlichkeit begreifen,
daß die eigentliche Struktur des Gehirns durch Vernachlässigung
negativ beeinflußt wird, so könnten sowohl auf gesetzgeberischer
Ebene als auch im Erziehungswesen bereits in allernächster Zukunft
Initiativen in die Wege geleitet werden, die darauf abzielen, das sich
entwickelnde Gehirn während dieser kritischen Phasen unterstützend
zu begleiten.
Eine Zunahme streßerzeugender Faktoren - wie Armut, Gewalt, sexueller
Mißbrauch, Zerfall familiärer Strukturen, Vernachlässigung,
Drogenkonsum, Mangel an geeigneter oder Überfluß an schädlicher
Stimulation - zieht unweigerlich auch einen Anstieg von negativen Konsequenzen
wie Aggressionen über Sprachversagen, Depressionen und andere geistige
Störungen bis hin zu Asthma, Epilepsie, Bluthochdruck, Immunschwäche
oder Diabetes nach sich; denn solche Negativerfahrungen, die über
die Sinne in das Gehirn einsickern, können die Billionen ständig
aktiver synaptischer Verbindungen zwischen den Hirnzellen in krankhafte
Netzwerkstrukturen verwandeln.
Amerikanische Wissenschaftler kamen dadurch zu dem Schluß (Zitat):
"Das zeigt, wie wichtig elterliche Fürsorge ist, denn sie hat einen
großen Einfluß auf den Weg, den das Gehirn beim Anlegen seiner
Schaltkreise einschlagen wird. Fehlt eine gute elterliche Fürsorge,
dann entstehen hohe soziale Folgekosten. Es kann dazu kommen, daß
ein Individuum für den Rest seines Lebens ein Stigma mit sich herumschleppt,
nicht nur, was Verhalten oder Gefühlsleben angeht, sondern ganz konkret
eine Anfälligkeit für alle möglichen Krankheiten betreffend",
(University of Wisconsin).
Es ist damit neurologisch erwiesen: Seelische Beeinträchtigungen
wie Charakterneurosen und psychosomatische Leiden können auf bisher
nicht erkennbaren Stoffwechselanomalien im Gehirn entstehen, die durch
negative Erfahrungen während der Fötalzeit oder in den ersten
Lebensjahren hervorgerufen wurden. Was man im allgemeinen mit der Widerstandsfähigkeit
des Gehirns in Verbindung bringt, hat etwas mit Schutzfaktoren zu tun -
wie etwa der Lebensqualität daheim, der Eltern-Kind-Beziehung und
sonstigen Bindungen, die dem Kind etwas Geborgenheit vermitteln können.
"Die Biologie unserer Spezies erfordert eine riesige Investition der
Eltern in ihre Kinder, um deren Potential überhaupt zur Entfaltung
bringen zu können", erklärte der Präsident der Carnegie
Corporation in New York. "Für all die Greuel, die wir unseren
Kindern heute antun, bezahlen wir bereits jetzt einen hohen Preis - in
Form von wirtschaftlicher Ineffektivität, Produktivitätsverlust,
Mangel an Fachkenntnis, hohen Kosten für medizinische Versorgung,
ständig steigenden Kosten für den Strafvollzug und einem schon
ziemlich beschädigten Sozialgefüge. Die Ursachen liegen immer
in der Biologie des Kindes - sei es eine gewisse ererbte Neurochemie, strukturelle
Abweichungen von der Norm, die vor der Geburt aufgetreten sind, oder eine
schlechte Umgebung", führt er aus. "Und eine schlechte Umgebung
- Streit zu Hause, sexueller Mißbrauch, schlechter Umgang, ein Mangel
an Menschen mit Vorbildfunktion - ist eine vorherrschende Ursache."
Aus diversen Untersuchungen geht hervor, daß jeder Dollar, der
in den Vereinigten Staaten für Förderprogramme zur frühkindlichen
Entwicklung ausgegeben wird, später einmal fünf Dollar bei Sozialhilfe,
psychiatrischer Betreuung, Gefängnissen und Aufwendungen für
weitere soziale Programme einsparen wird, Programme, die größtenteils
nur ins Leben gerufen wurden, um den Spätfolgen von aggressivem und
gewalttätigem Verhalten begegnen zu können. "Die Erlebnisse in
der Entwicklungsphase bestimmen die Fähigkeit des Gehirns, seinen
Aufgaben gerecht zu werden. Werden diese Erfahrungswerte nicht verändert,
dann wird auch das Gehirn in seiner Substanz nicht verändert, und
es wird schlußendlich nur noch eines übrigbleiben: mehr Gefängnisse
zu bauen", sagte Bruce Perry, einer der führenden Hirnforscher.
Diese Forschungsergebnisse sind nahezu deckungsgleich mit der Antriebslehre,
die in deutschen Landen bereits 1971 von der Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeutin
Christa Meves publiziert worden sind. Die Beschädigungen in den sensiblen
Phasen für die Ausgestaltung der wesentlichen Lebenstriebe, dem Nahrungstrieb,
dem Bindungstrieb, dem Selbstbehauptungstrieb und dem Geschlechtstrieb,
bewirken im Erwachsenenalter die vier häufigsten Kernneurosen: der
neurotischen Depression, der sich daraus entwickelnden Süchte (vom
Alkohol bis zum Rauschgift), der neurotischen Verwahrlosung, den Zwangskrankheiten,
der Hysterie, der Perversionen.
Daß das Gehirn bei angemessener Pflege gedeiht, ist ein Konzept
von größter Bedeutung sowohl für die persönliche Weiterentwicklung
als auch für die elterliche Fürsorge. Der US-Forscher Stanley
Greenspan hat einmal gesagt: Eltern und Familie sind für ein Kind
von so unverzichtbarer Wichtigkeit, daß man, wenn es sie nicht gäbe,
sie schleunigst erfinden müßte. Denn während für
den Aufbau des Gehirns die Natur die Materialien zur Verfügung stellt,
heißt der Architekt, der diese dann zusammenfügt, Erfahrung.
Es ist eine zentral wichtige Aufgabe der Pflegenden, daß diese
für das Kind positiv ist. Das läßt sich am ehesten erfüllen,
wenn ihn seine natürlichen Bedürfnisse nach Sättigung und
Bindung, Ansprache, Anregung, Zärtlichkeit und Geborgenheit erfüllt
werden.
Die ersten drei Lebensjahre sind von entscheidender und bleibender Bedeutung
für die spätere Entwicklung eines Kindes die Außenwelt
wird dazu benutzt, um das Gehirn zu formen, und in seiner Entwicklung durchläuft
es entscheidende Phasen, in denen Vorhandensein oder Abwesenheit von Stimuli
lebenslang andauernde Auswirkungen nach sich ziehen können, sowohl
gute wie auch schlechte. Sprache, Bilder, positive Interaktion, ein möglichst
kleines Maß an Streß, viel Berührung und Streicheln und
allmählich der Erwerb von Kulturtechniken das alles sind Grundvoraussetzungen
dafür, daß ein Gehirn und damit Emotionalität und später
Intelligenz sich positiv entwickeln kann.
Der von Christa Meves vor einigen Jahren ins Leben gerufene Verein "Verantwortung
für die Familie" ist darum unermüdlich bemüht, mit Hilfe
von Faltblättern, auf denen die wichtigsten vorbeugenden Erziehungsmaßnahmen
zusammengefaßt sind, auch in Deutschland ein Bewußtsein für
die nun auf dem Tisch liegenden neuen Forschungsergebnisse zu schaffen.
Es wäre zu wünschen, daß auch in Deutschland endlich verantwortungsbewußte
Politiker dazu bereit sind, durch ihre Initiativen der jungen Generation
und damit der Zukunft unseres Landes die Hilfestellung zu geben, die sie
dringend braucht. Bis jetzt war und ist Christa Meves immer noch eine einsame
Ruferin in der Wüste aus Verantwortung für die nächste
Generation und zu derem Wohl.
|