Kolumne 
Ergebnisse der neuen Hirnforschung und ihre Bedeutung in Hinblick auf die Sanierung der Familie
von Andrea Dillon


Bis vor kurzem noch hätten Forscher aus dem medizinischen Bereich nie gedacht, daß sie die innere Funktionsweise des Gehirns jemals wirklich verstehen könnten. Zwar hatten sie beobachten können, daß ein geliebtes, mit positiven Stimuli ausreichend versorgtes Kind normalerweise zu einer aufgeweckten, umgänglichen Persönlichkeit heranwächst, wohingegen ein mißhandeltes Kind nur zu häufig später einmal seinerseits Kinder mißhandeln wird; aber niemand vermochte zu sagen, was genau dabei im Gehirn vor sich geht.

Heute sind wir imstande, die Frage: "Wie funktioniert das Gehirn?" tatsächlich zu stellen; denn eine Revolution in Molekularbiologie und Genforschung hat uns gänzlich neue Dimensionen eröffnet. Mit Hilfe einer neuartigen Technologie zur visuellen Erfassung, die die chemischen "Spuren" von Gedanken und Gefühlen "sichtbar" machen kann, sobald sie entstehen (sog. MRI, Magnetic Resonance Imaging, oder PET, Positronenemissions-tomographie), haben die Wissenschaftler in den vergangenen zehn Jahren mehr über die Funktionsweise des menschlichen Gehirns gelernt als je zuvor in der Geschichte. Und das Wissen darüber verdoppelt sich derzeit alle fünf bis zehn Jahre.

Zwei der überraschendsten und grundlegendsten Entdeckungen besagen, daß das Gehirn sich mit Hilfe der Außenwelt selbst formt und daß es entscheidende Entwicklungsphasen durchläuft, in denen die Gehirnzellen auf gewisse Arten der Reizbeeinflussung angewiesen sind, um irgendwelche Fähigkeiten überhaupt aufbauen zu können. Die althergebrachte Vorstellung von einem statischen Gehirn, das den Lernprozeß ganz allmählich nach einem festgelegten, unveränderlichen Regelsortiment angeht - etwa wie ein Kassettenrecorder, der jedes Wort aufnimmt, das ihm gerade ins Mikrofon läuft - wird durch diese neuen Entdeckungen völlig widerlegt.

Es ist eine faszinierende Entdeckung, daß die Außenwelt in der Tat die eigentliche Nahrung des Gehirns darstellt und über seine Sinne: Sehen, Hören, Riechen, Fühlen und Schmecken aufgenommen wird. Dann wird die derart aufgesogene Welt in Form von Billionen von Verbindungen zwischen den Gehirnzellen wieder zusammengesetzt, den sog. Synapsen, die ständig wachsen und vergehen oder aber stärker oder schwächer werden - je nachdem, wie reichhaltig die Außeneindrücke ausgefallen sind.

Bringt man ein Baby zum Lächeln, zum fröhlichen Vor-sich-hin-Brabbeln oder dazu, sich an einem Finger festzuhalten, dann mag das Spaß machen - aber es ist wesentlich mehr als nur ein Spiel. Es handelt sich hier um ernsthafte Aufbauarbeit am Gehirn. Jede Reaktion des Kindes ist ein sichtbarer Ausdruck dessen, was sich in seinem Gehirn abspielt: Millionen von Hirnzellen beschießen sich untereinander mit Anweisungen, die der Prägung lebenswichtiger neuronaler Netzwerke dienen.

Es ist eine ebenso phantastische wie provokante Entdeckung: Das Gehirn eines Kleinkindes wächst und gedeiht mit der Rückkopplung, die es von seiner Umwelt erhält. Es selbst bildet sich durch die Erfahrungen, die es macht, zum denkenden und fühlenden Organ heran. Diese Erfahrungen nimmt es in Form von Klängen, visueller Stimulation, Berührungen, Gerüchen, Geschmacksreizen und durch die besonders wichtige Interaktion mit anderen Menschen auf - Geben und Nehmen.

Die synaptischen Netzwerke werden bereits im Laufe des ersten Lebensjahres ausgebildet und versetzen uns später in die Lage, Assoziationen zu bilden und abstrakt zu denken - die Grundlage für unsere spätere Intelligenz, unser Vorstellungsvermögen und unsere Kreativität. Diese Netzwerke können aber auch verkümmern, wenn mit den frühkindlichen Erfahrungen nicht auch eine entsprechende geistige Stimulation einhergeht oder wenn sie zu sehr mit Streß befrachtet sind. Die Anzahl der Worte, die ein Säugling täglich zu hören bekommt, hat einen geradezu dramatischen Einfluß auf den Aufbau seines Gehirns und seine spätere Intelligenz, seine sozialen Umgangsformen und seinen schulischen Werdegang. Musik, vor allem klassische, wirkt auf das sich entwickelnde Gehirn ähnlich wie ein Fitneßpräparat auf den Bodybuilder; denn sie trainiert dieselben neuralen Netzwerkstrukturen, die uns das Lernen und Erinnern möglich machen, und erleichtert dem Gehirn so die Entwicklung seiner geistigen Kapazität.

Es sind dies ganz erstaunliche Konzeptionen, die unsere Auffassung zur frühkindlichen Entwicklung nachhaltig verändern. Weil am Lebensanfang – besonders in den ersten drei Jahren – das Gehirn wenig oder falsch stimuliert sein kann, sind bereits viele Schulanfänger schon am ersten Schultag mit intellektuellen oder psychischen Mängeln behaftet, die durch eine frühzeitige angemessene geistige Stimulation hätten verhindert werden können. Die Emotionalität wurde negativ besetzt, mit Angst, statt mit Vertrauen, mit Mißstimmung, statt mit Lebenskraft, mit Unzufriedenheit, statt mit Zuwendungsbereitschaft.

Amerika hat auf diese Erkenntnisse bereits reagiert. Präsident Clinton berief im April 1997 eine „While-House-Conference on Early Childhood Development and Learning: What New Research on the Brain Tells Us About Our Youngest Children" ein, um eine nationale Kampagne unter dem Titel "I am your child – The First Years Last Forever" zu starten. Beteiligt war das ganze Land: Universitäten, Künstler, Schauspieler, Fernsehprogramme, Radiosendungen, Wissenschaftler, Institutionen, Politiker, Wirtschaftsfachleute, Gesundheits-spezialisten, Gemeindevorsteher, Glaubensgemeinschaften. Über 60 Satellitenverbindungen wurde tagelang über die erwähnten Ergebnisse berichtet; Millionen von kostenlosen Broschüren "I am your child" sind seither verteilt worden, mit dem Ziel, jedes einzelne Elternpaar der Vereinigten Staaten damit zu erreichen. CD-Roms wurden produziert, Internetsites eingerichtet, alle nur möglichen modernen Massenkommunikationsmittel herangezogen. Expertenratschläge wurden ebenso angeboten wie Listen mit empfohlenen Büchern und Sondervideos. Die führenden Wissenschafts-Magazine des Landes – so z.B. Newsweek u.a. – erklärten sich bereit, Sonderausgaben zu drucken und zu verteilen. Nicht nur junge Familien sollten mit dem notwendigen neuen Wissen versorgt werden, sondern in der gesamten Öffentlichkeit wollte man ein Bewußtsein für die Wichtigkeit der ersten drei Lebensjahre schaffen.

Das Echo war phänomenal. Das Präsidentenpaar hatte sich auch entsprechend mit vor den Karren gespannt, und Bill Clinton hat seither eine Vielzahl eindrucksvoller Reden zum Thema "Familie" gehalten: auf Kongressen, öffentlichen Veranstaltungen, in den wöchentlichen Radioansprachen, innerhalb seiner Konferenzen u.a.m.

Am 12. April 97 sagte Clinton z.B. in der Eröffnungsrede eines großen Familienkongresses, bei der er sowohl die Bereitstellung von 322 Millionen Dollar pro Jahr wie auch seinen Einsatz für die Reanimierung der Familie durch umfängliche neue Programme ankündigte, um den Kindern mehr Chancen zu einer seelisch gesunden Entwicklung zu ermöglichen, zum Schluß
 "daß wir den Kindern dabei helfen müssen, das ihnen von Gott gegebene Potential zu verwirklichen"… Die Nation müsse "…den neuen Forschungsergebnissen über die ersten Lebensjahre der Kinder, die in der intellektuellen, sozialen und emotionalen Entwicklung so oft übersehen werden, höchste Aufmerksamkeit widmen."

O-Ton Clinton in einer Rede vom 8. Oktober 1997:
"… Wir müssen unsere Anstrengungen auf diesem Gebiet fortsetzen, bis wir buchstäblich sagen können, daß jeder Elternteil und jedes Kind in diesem Land Zugang zu einer qualifizierten, erschwinglichen Kinderbetreuung hat, die auch einen angemessenen, anregenden, erzieherischen Aspekt für  die jüngsten unserer Kinder beinhaltet. Unsere Gehirne, wie wir inzwischen wissen, sind wie Computer, die wir selbst zusammenbauen, und die Art ihrer Programmierung hat bereits  eine ganz bestimmte Ausformung erreicht, wenn wir vier Jahre alt sind. Und sie danach umzuprogrammieren, ist sehr schwierig. …

Die neueste Forschung hat gezeigt, daß ein Kind, das liebevolle, anteilnehmende Eltern hat und dem eine angemessene Vorschulerziehung oder sonst eine Förderung mit angemessenem erzieherischem Aspekt zuteil wird, daß ein solches Kind also bis zu seinem vierten Lebensjahr ca. 700.000 positive Verknüpfungen in seinem sich entwickelnden "Hirn-Computer" herstellt. Ein Kind dagegen, das eher sich selbst überlassen wird, das Eltern hat, die nie gelernt haben, ihrer erzieherischen Aufgabe nachzukommen, hat ungefähr nur 150.000 solcher positiven Verknüpfungen herstellen können – das heißt weniger als ein Viertel.
Und nun sagen Sie mir, welches Kind Ihrer Meinung nach die besseren Chancen hat, wenn es einmal 17, 21, 30, 40 oder 50 Jahre alt ist!
Sie können das Ganze buchstäblich auf die Naturwissenschaft reduzieren. Grundsätzlich ist das alles ja eher eine Sache des Herzens, aber Sie müssen sich klarmachen, daß dahinter auch eine Basis nackter Fakten steht. Und diese neue wissenschaftliche Forschung ist nicht nur phantastisch, sie ist geradezu atemberaubend. Und wir können nicht wissentlich zulassen, daß eine riesige Zahl unserer Kinder einer solchen Art von Benachteiligung ausgesetzt ist, während ihre eigenen kleinen "Computer" sich programmieren. Das ist nicht richtig, und das ist auch nicht klug. Und wir bezahlen dafür täglich – heute für die Fehler, die vor 10, 15 und 20 Jahren gemacht worden sind. Und aus diesem Grund sage ich: Wir müssen {auf diesem Gebiet}weiterarbeiten. … Jeder Amerikaner sollte über diese Sache mit in Sorge sein, weil jeder Amerikaner – oder seine Kinder – von ihr betroffen sein wird. Wir zahlen jetzt, oder wir zahlen später. Wir handeln entweder jetzt als Gemeinschaft, um diese Kinder zu fördern, oder wir werden auch später als Gemeinschaft wegen unserer kollektiven Nachlässigkeit dafür bestraft werden. Dies ist eine große Herausforderung für unsere Zukunft."

Und in einer Radio-Ansprache vom 4. Oktober 1997 hatte der Präsident ausdrücklich betont:
"Die Familie ist der Eckstein unserer Gesellschaft. … Die Katholische Konferenz der Vereinigten Staaten hat festgestellt: ‚Der wichtigste Beitrag, um unseren Kindern zu helfen, wird im stillen geleistet - in unserer Häuslichkeit und Nachbarschaft, in unseren Pfarreien und Gemeinschaften. Keine Regierung kann ein Kind lieben, und keine Politik kann die Fürsorge einer Familie ersetzen; aber eindeutig‘, so hat die Katholische Konferenz festgestellt, ‚können Familien durch die Aktionen der Regierung entweder unterstützt oder durch sie beeinträchtigt werden‘.
Hier haben wir versucht, der Familie zu helfen; denn es gibt nichts Wichtigeres, als die Stärkung unserer Familien. Wenn wir alle, Männer und Frauen, Verantwortung für die Erziehung unserer Kinder übernehmen und unsere Werte an sie weitergeben, werden unsere Familien gestärkt. Und wenn unsere Familien stärker werden, wird auch Amerika stärker."
 

Das Echo innerhalb der USA war denn auch so überwältigend, daß das Präsidentenpaar sich veranlaßt sah, im Oktober 1997 eine zweite White-House-Conference einzuberufen, diesmal unter dem Schwerpunkt "Child Care" – also Kinderbetreuung, Kinderpflege. Es ging ihnen vor allem um die Frage, wie man es in Amerika, dem Land, in dem die Mehrzahl beider Eltern berufstätig ist, gewährleisten könne, daß die Kleinkinder in bezug auf die notwendigen Stimuli für ihre optimale Entwicklung dabei nicht zu kurz kämen.

Denn die revolutionären Entdeckungen in der Hirnforschung setzen auch eindeutige Warnsignale, was z.B. den Nutzen von Kindertagesstätten betrifft. Das Abschieben der Kinder in anregungsarme Umgebungen, während die Eltern bei der Arbeit sind, kann die Entwicklung ihrer Gehirne beeinträchtigen. Die Kindertagesstätten – wenn man sie denn schon in Anspruch nimmt -  müssen daher, so folgerten die von Clinton eingesetzten Experten, auf den neuesten Stand gebracht und laufend überprüft werden, damit den Kindern in den entscheidenden ersten Lebensjahren ein Optimum an Lernerfahrungen für den Aufbau ihrer Gehirne zur Verfügung gestellt wird.

Das neue Verständnis des Gehirns ist eine Herausforderung an sämtliche starren und tief verwurzelten Dogmen, mit denen im Hinblick auf Bereiche wie etwa Aus- und Fortbildungswesen, Kindererziehung, kriminelles Verhalten, Behandlung von früher als unheilbar eingestuften Geisteskrankheiten oder die Steigerung von Gedächtnisleistungen behaftet sind.

Informationen fließen mit spielerischer Leichtigkeit durch "Fenster" in das Gehirn ein, die nur für eine kurze Zeit geöffnet bleiben (man spricht auch von sensiblen Phasen, Prägungsphasen). Diese Entwicklungsfenster treten von Geburt an bis zum 12. Lebensjahr jeweils in Phasen auf, in denen das Gehirn am eifrigsten von seiner Umgebung lernt.  In diesem Zeitraum - insbesondere während der ersten drei Lebensjahre - werden die Grundlagen für Denken, Sprache, Gesichtssinn, Verhaltensmuster, Begabungen und andere Charakteristika gelegt. In dieser Zeit lernt das Kind, seine elementaren Bedürfnisse nach Sättigung, Bindung, Zärtlichkeit, Selbstbehauptung und Besitz zu befriedigen – oder es wird in einer seelisch krankmachenden Weise daran gehindert. Diese frühe Lernphase ist von entscheidender Bedeutung; denn – so weiß die Hirnforschung – danach schließen sich die Fenster wieder, und ein wesentlicher Teil des Gehirnaufbaus ist zur Vollendung gelangt.

Es ist so eine Art Nichtumkehrbarkeit, die dann einsetzt. In den frühen Phasen haben wir diesen Formungsprozeß, und dann, am Ende dieses Prozesses - sagen wir, im Alter von zwei, drei oder auch vier Jahren - steht da der fertige Prototyp eines Gehirns, das sich in den wesentlichen Bereichen wahrscheinlich nicht mehr allzusehr verändern wird.

Nicht, daß alles verloren wäre, wenn diese frühe Lernphase nicht optimal verlaufen ist. Unter Verwendung des Instrumentariums, das der Formungsprozeß von Hirnzellen und ihren Verbindungselementen hinterlassen hat, gibt das Gehirn seinem Besitzer eine zweite große Chance, die bis etwa zum 12.  Lebensjahr offensteht. Ja, selbst danach hört das Gehirn nie mit dem Lernen auf Allerdings muß dafür dann ein Preis bezahlt werden.  Das Lernen geht dann nicht mehr so leicht von der Hand, es fällt einem später immer schwerer - wie jeder Erwachsene weiß, der einmal versucht hat, eine Fremdsprache zu erlernen. Für ein Kind ist es einfach, fremde Sprachen aufzunehmen.

Neuere Untersuchungen zeigen, daß eine geeignete Stimulation sich auf folgende Hirnfunktionen auswirkt:
 

Sprache.  Kinder, deren Mütter häufig mit ihnen sprechen, weisen weit bessere Sprachfertigkeiten auf als Kinder von Müttern, die selten etwas zu ihnen sagen. Nach ungefähr dem zwölften Lebensjahr nimmt die Fähigkeit, neue Sprachen zu erlernen, rapide ab.

Bilder.  Ein Mangel an visueller Stimulation bei der Geburt wird jene Gehirnzellen, die für die Bildverarbeitung zuständig sind, dazu veranlassen, entweder zu Vertrocknen oder aber andere Aufgaben zu übernehmen. So können vollkommen gesunde Augen unter Umständen auf Dauer blind bleiben. Diese Entdeckung hat bereits das Augenlicht Tausender Säuglinge retten können, die mit einem das Sehvermögen behindernden grauen Star zur Welt gekommen sind - der heutzutage so schnell wie möglich nach der Geburt entfernt wird.

Hirnkapazität. Pionierstudien belegen, daß der Intelligenzquotient von Kindern, die in ärmliche Verhältnisse hineingeboren wurden, wie auch der von Frühgeborenen durch eine Reizbeeinflussung in Form von Spielzeug, Worten, angemessener elterlicher Fürsorge und anderen Stimuli signifikant angehoben werden kann.

Aggression. Wird es in einem frühen Entwicklungsstadium Gewalt, Streß oder anderen Formen umweltbedingter Belastungen ausgesetzt, so kann dies für das Gehirn zur Folge haben, daß es quasi mit "überhöhter Drehzahl" arbeitet und so Gefahr läuft, impulsive Handlungen oder Bluthochdruck auszulösen.

Emotionen. Kinder, die noch im Mutterleib unvorhersehbaren Belastungssituationen ausgesetzt werden, entwickeln ein ängstliches Wesen. Ein überdurchschnittliches Bemuttern des Neugeborenen hat jedoch eine gegenteilige Wirkung zur Folge: Es vermittelt ihm Selbstvertrauen und einen verstärkten Forscherdrang.

Berührung.  Frühgeborene, deren Sinneswahrnehmung dadurch aktiviert wird, daß sie im Arm gehalten und liebkost werden, sind geistig beweglicher und körperlich widerstandsfähiger als solche, die routinemäßig in Inkubatoren isoliert bleiben. Daraus ist in den USA bereits das sog. Känguruh-Prinzip entwickelt worden. Die Mutter wird in der Klinik dazu aufgefordert, das Frühchen möglichst viel an ihrem Leib zu tragen.

Bildung.  Die beste Zeit, Fremdsprachen, Mathematik, Musik und andere spezielle Fertigkeiten zu erlernen, liegt zwischen dem ersten und dem 12.  Lebensjahr.  Dennoch verstreichen gerade diese Jahre meist ungenutzt, weil man den jungen Leuten Gelegenheit geben will, "ihre Kindheit zu genießen".
 
 

Diejenigen Aspekte der Hirnentwicklung, die am engsten mit dem menschlichen Verhalten verquickt sind, die später kraftvollen Optimismus oder einen schwierigen Charakter zur Folge haben, können also durch die Aufmerksamkeit, die wir unseren Säuglingen und Kleinkindern zuwenden oder versagen, zum Guten oder zum Schlechten beeinflußt werden. Diese Erkenntnis stellt uns vor einen moralischen und sozialen Imperativ, der da lautet: Man muß die Hirnschäden verhindern oder heilen, die während der entscheidenden Entwicklungsphasen des Gehirns vor der Geburt und in der Kindheit durch einen Mangel an geeigneter Stimulation von außen entstehen.

Würde das kollektive Gewissen der Öffentlichkeit begreifen, daß die eigentliche Struktur des Gehirns durch Vernachlässigung negativ beeinflußt wird, so könnten sowohl auf gesetzgeberischer Ebene als auch im Erziehungswesen bereits in allernächster Zukunft Initiativen in die Wege geleitet werden, die darauf abzielen, das sich entwickelnde Gehirn während dieser kritischen Phasen unterstützend zu begleiten.

Eine Zunahme streßerzeugender Faktoren - wie Armut, Gewalt, sexueller Mißbrauch, Zerfall familiärer Strukturen, Vernachlässigung, Drogenkonsum, Mangel an geeigneter oder Überfluß an schädlicher Stimulation - zieht unweigerlich auch einen Anstieg von negativen Konsequenzen wie Aggressionen über Sprachversagen, Depressionen und andere geistige Störungen bis hin zu Asthma, Epilepsie, Bluthochdruck, Immunschwäche oder Diabetes nach sich; denn solche Negativerfahrungen, die über die Sinne in das Gehirn einsickern, können die Billionen ständig aktiver synaptischer Verbindungen zwischen den Hirnzellen in krankhafte Netzwerkstrukturen verwandeln.

Amerikanische Wissenschaftler kamen dadurch zu dem Schluß (Zitat): "Das zeigt, wie wichtig elterliche Fürsorge ist, denn sie hat einen großen Einfluß auf den Weg, den das Gehirn beim Anlegen seiner Schaltkreise einschlagen wird. Fehlt eine gute elterliche Fürsorge, dann entstehen hohe soziale Folgekosten. Es kann dazu kommen, daß ein Individuum für den Rest seines Lebens ein Stigma mit sich herumschleppt, nicht nur, was Verhalten oder Gefühlsleben angeht, sondern ganz konkret eine Anfälligkeit für alle möglichen Krankheiten betreffend", (University of Wisconsin).

Es ist damit neurologisch erwiesen: Seelische Beeinträchtigungen wie Charakterneurosen und psychosomatische Leiden können auf bisher nicht erkennbaren Stoffwechselanomalien im Gehirn entstehen, die durch negative Erfahrungen während der Fötalzeit oder in den ersten Lebensjahren hervorgerufen wurden. Was man im allgemeinen mit der Widerstandsfähigkeit des Gehirns in Verbindung bringt, hat etwas mit Schutzfaktoren zu tun - wie etwa der Lebensqualität daheim, der Eltern-Kind-Beziehung und sonstigen Bindungen, die dem Kind etwas Geborgenheit vermitteln können.

"Die Biologie unserer Spezies erfordert eine riesige Investition der Eltern in ihre Kinder, um deren Potential überhaupt zur Entfaltung bringen zu können", erklärte der Präsident der Carnegie Corporation in New York.  "Für all die Greuel, die wir unseren Kindern heute antun, bezahlen wir bereits jetzt einen hohen Preis - in Form von wirtschaftlicher Ineffektivität, Produktivitätsverlust, Mangel an Fachkenntnis, hohen Kosten für medizinische Versorgung, ständig steigenden Kosten für den Strafvollzug und einem schon ziemlich beschädigten Sozialgefüge. Die Ursachen liegen immer in der Biologie des Kindes - sei es eine gewisse ererbte Neurochemie, strukturelle Abweichungen von der Norm, die vor der Geburt aufgetreten sind, oder eine schlechte Umgebung", führt er aus.  "Und eine schlechte Umgebung - Streit zu Hause, sexueller Mißbrauch, schlechter Umgang, ein Mangel an Menschen mit Vorbildfunktion - ist eine vorherrschende Ursache."

Aus diversen Untersuchungen geht hervor, daß jeder Dollar, der in den Vereinigten Staaten für Förderprogramme zur frühkindlichen Entwicklung ausgegeben wird, später einmal fünf Dollar bei Sozialhilfe, psychiatrischer Betreuung, Gefängnissen und Aufwendungen für weitere soziale Programme einsparen wird, Programme, die größtenteils nur ins Leben gerufen wurden, um den Spätfolgen von aggressivem und gewalttätigem Verhalten begegnen zu können. "Die Erlebnisse in der Entwicklungsphase bestimmen die Fähigkeit des Gehirns, seinen Aufgaben gerecht zu werden. Werden diese Erfahrungswerte nicht verändert, dann wird auch das Gehirn in seiner Substanz nicht verändert, und es wird schlußendlich nur noch eines übrigbleiben: mehr Gefängnisse zu bauen", sagte Bruce Perry, einer der führenden Hirnforscher.

Diese Forschungsergebnisse sind nahezu deckungsgleich mit der Antriebslehre, die in deutschen Landen bereits 1971 von der Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeutin Christa Meves publiziert worden sind. Die Beschädigungen in den sensiblen Phasen für die Ausgestaltung der wesentlichen Lebenstriebe, dem Nahrungstrieb, dem Bindungstrieb, dem Selbstbehauptungstrieb und dem Geschlechtstrieb, bewirken im Erwachsenenalter die vier häufigsten Kernneurosen: der neurotischen Depression, der sich daraus entwickelnden Süchte (vom Alkohol bis zum Rauschgift), der neurotischen Verwahrlosung, den Zwangskrankheiten, der Hysterie, der Perversionen.

Daß das Gehirn bei angemessener Pflege gedeiht, ist ein Konzept von größter Bedeutung sowohl für die persönliche Weiterentwicklung als auch für die elterliche Fürsorge. Der US-Forscher Stanley Greenspan hat einmal gesagt: Eltern und Familie sind für ein Kind von so unverzichtbarer Wichtigkeit, daß man, wenn es sie nicht gäbe, sie schleunigst erfinden müßte.  Denn während für den Aufbau des Gehirns die Natur die Materialien zur Verfügung stellt, heißt der Architekt, der diese dann zusammenfügt, Erfahrung.

Es ist eine zentral wichtige Aufgabe der Pflegenden, daß diese für das Kind positiv ist. Das läßt sich am ehesten erfüllen, wenn ihn seine natürlichen Bedürfnisse nach Sättigung und Bindung, Ansprache, Anregung, Zärtlichkeit und Geborgenheit erfüllt werden.

Die ersten drei Lebensjahre sind von entscheidender und bleibender Bedeutung für die spätere Entwicklung eines Kindes – die Außenwelt wird dazu benutzt, um das Gehirn zu formen, und in seiner Entwicklung durchläuft es entscheidende Phasen, in denen Vorhandensein oder Abwesenheit von Stimuli lebenslang andauernde Auswirkungen nach sich ziehen können, sowohl gute wie auch schlechte. Sprache, Bilder, positive Interaktion, ein möglichst kleines Maß an Streß, viel Berührung und Streicheln und allmählich der Erwerb von Kulturtechniken – das alles sind Grundvoraussetzungen dafür, daß ein Gehirn – und damit Emotionalität und später Intelligenz –  sich positiv entwickeln kann.

Der von Christa Meves vor einigen Jahren ins Leben gerufene Verein "Verantwortung für die Familie" ist darum unermüdlich bemüht, mit Hilfe von Faltblättern, auf denen die wichtigsten vorbeugenden Erziehungsmaßnahmen zusammengefaßt sind, auch in Deutschland ein Bewußtsein für die nun auf dem Tisch liegenden neuen Forschungsergebnisse zu schaffen. Es wäre zu wünschen, daß auch in Deutschland endlich verantwortungsbewußte Politiker dazu bereit sind, durch ihre Initiativen der jungen Generation und damit der Zukunft unseres Landes die Hilfestellung zu geben, die sie dringend braucht. Bis jetzt war und ist Christa Meves immer noch eine einsame Ruferin in der Wüste – aus Verantwortung für die nächste Generation und zu derem Wohl.

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