|
Kolumne
|
|
von Christa Meves
Verblüfft reiben sich die vielen Menschen in unserem Land, die in den vergangenen Monaten erstaunlich zahlreich öffentlich Abwehr gegen eine Verstaatlichung der Kleinkinder artikulierten, die Augen. Der Trick ist gelungen und bedarf deshalb dringend der Durchleuchtung und Entwirrung; denn grundsätzlich ist die Problemstellung: Krippenerziehung oder häusliche Betreuung für 0-3Jährige ein zu grobes Raster, um Erkenntnis über das Objekt Säugling und Kleinkind zu gewinnen. Dazu ist es vielmehr nötig, zunächst der Frage nachzugehen: Wenn endlich mit nackten Zahlen ein bereits seit Jahrzehnten bestehender Missstand ins volle Licht der Öffentlichkeit treten darf - ein Missstand wohlgemerkt in einer wohlhabenden Gesellschaft, in der es 40 Jahre lang praktisch keine Armut gab – welches sind denn dann die Ursachen der schon so früh auftretenden Schäden, die – offenbar unerkannt wie sie sind – durch die jetzt beschworene Alternative der Kollektiverziehung womöglich erst recht nicht behoben werden können. Bei dieser Fragestellung kann es nicht weiterhin um hin und her wogende Grabenkämpfe verschiedener Meinungen gehen, hier ist Fachwissen gefragt. Von der Kinderpsychologie her waren Beobachtung und Erfahrung längst auf dem Plan – hatte man doch einst das 20. Jahrhundert nicht untätig zum „Jahrhundert des Kindes“ proklamiert. Besonders die sogenannte neoanalytische Schule widmete sich – durch Freuds Hypothesen inspiriert – mit Erfolg der Frage: Was braucht der Mensch in den ersten sieben Lebensjahren, um ein seelisch gesunder Erwachsener zu werden? Ein neues Interesse am Kleinkind, ein neues Beschäftigen mit ihm und das viele neue Mütterbefragen in umfänglichen Anamnesen, wenn Verhaltensstörungen aufgetreten waren, brachte erstaunliche Erkenntnisfrucht: Wie jedes höhere Säugetier muss das Neugeborene zunächst oral abgesättigt sein ( wie Freud es bereits geahnt hatte), um sich an die es satt machende Person zu binden. Die Lust zur Eroberung des Lebens, die Intentionalität dazu hat hier ihre Voraussetzung. Dieses Ziel bedingt in den weiteren Jahren sorgfältige, behutsame, einfühlsame Begleitung von Müttern, zunehmend erweitert durch die Personen des Umfelds – etappenhaft, der Entfaltung der Kinderseele entsprechend. Diese Frucht der Forschung lässt sich auch ganz einfach sagen: Am Anfang hat es im Fuchsbau stramm biologisch zuzugehen. Auch die Krone der Schöpfung braucht vorrangig Mütter, die sich wie die Füchsin ihren Fähen hinhalten, bis sie von sich aus das Weite suchen. Die Neoanalytiker (voran Annemarie Dührssen und Werner Schwidder) systematisierten ihre Erfahrungen. Sie erkannten, dass sich im Erwachsenenalter spezifische neurotische Charakterstrukturen manifestieren, wenn sich die Ursachen dafür in unangemessene Umgangsweisen z.B. mit dem Säugling herausfinden ließen. Eratzbefriedigungen um den Mund sind dafür typisch, und sie treten früh schon als Erstsymptome auf. Die Analytiker beschrieben die hervortretenden Eigenschaften z. B. der depressiven Charakterstruktur mit ihrem Schwanken zwischen Resignation und dem gierigen Versuch doch noch zu einer Totalbefriedigung zu kommen, indem sie zunächst mit hoher Bugwelle, die allzu rasch verebbt, immer neu auf die Suche gehen, ohne zu wissen, was ihnen fehlt, bis Berge von Enttäuschungen nicht selten die Depression manifest werden lässt. Und die Forscher erkannten: Je mehr sich im Laufe des Lebens die Schäden verfestigen, umso mühsamer oder schließlich unmöglich ist ihre Therapie. Und sie sahen: Die Anfangsbedingungen zur Entfaltung seelischer Gesundheit beim Menschen (dass er lieben und arbeiten kann) sind offenbar so streng, wie es zum Wesen zentraler Naturgesetze nun einmal gehört. Warum ließ sich die Grundaufgabe für junge Mütter, bei ihren Kindern präsent zu sein, bis sie ihnen davonlaufen, in den Ländern mit technisiertem Wohlstand immer weniger einhalten? Weil niemand sich die Ausschließlichkeit des Naturgesetzes vorstellen konnte, weil Ersatz über Ersatz des Natürlichen erfunden und propagiert wurde, weil der Lebensspielraum sich gigantisch erweiterte, weil selbst die Kinderärzte und ihre Helfer die erweiterten Möglichkeiten beim Umgang mit den Kindern vom Kompetenzthron herab bedenkenlos anempfahlen; denn schließlich überlebten sie doch, die Bälger, selbst wenn man ihnen erstaunliche Barbareien zumutete – sie zum Beispiel im Krankheitsfall in den Kliniken über Wochen von ihren Müttern total isolierte oder sie auf den Säuglingsstationen so lange schreien ließ, bis sie das aufgaben, - und das geschah dann auch. Dass die Depression unter Umständen als lebenslängliches Schicksal ( z. B. fast jeder Alkoholiker ist depressiv!) hier ihren Anfang nimmt, hatte ihnen niemand in ihren Ausbildungen vermittelt. Es geht, es geht – rief freudestrahlend die new brave world: Mutterschaft ist eigentlich nur eine Falle, es handelt sich lediglich um eine überbewertete „Rolle“, die andere, gut und besser sogar, übernehmen können. Die Bezugsperson – international: the secondary attachment-figur - ein grandioses Beispiel semantischer Täuschungsmöglichkeit, war kreiert. Und alle emanzipatorischen Frauenverbände fielen verständlicherweise begeistert in diesen Tenor ein. Heute ist die Depression in den Industrienationen des Westens die zweithäufigste aller Erkrankungen. Auf der Suche nach dem Eigentlichen: dem Liebessattwerden an Mutters Brust, durch Mutters Nähe, gerät eine ganze Kindergeneration in permanente Unruhe, in Unersättlichkeit, in Fresssucht, und dies sind ganz gewiss nur die augenfälligsten Merkmale, von der die gestrige Statistik allenfalls ausgeht. Aber vom 17. Lebensjahr ab werden die Manifestationen wesentlich dramatischer... Wie glänzend geebnet liegen hier die Gelegenheiten für die Sucher zur Befriedigung des Eigentlichen mit den Verheißungen zu höchster Lust parat, um dennoch unter dem Verlust der Freiheit des Willens, für arm ebenso wie für reich, als Loserschicksal zu enden. Was also muss in dieser Situation gegen die Sirenenklänge eines sich der Kleinkinder bemächtigen wollenden Staates geschehen? Zunächst müssen die umfänglichen Forschungsergebnisse, besonders auch die durch Hirn- und Hormonforschung hinzugekommenen umfänglich verbreitet werden. Die Bedeutsamkeit der frühen Kindheit wird dadurch in dem Maß sichtbar, wie die Forschung frühe Prägungen während der Konstituierung des Gehirns beweist. So ist z. B. deutlich geworden,dass tief im genetischen Code der Frau die Auslöser für das Mutterverhalten verborgen liegen. Das Hormon Oxytocin ist hier während der Schwangerschaft der Vorbereiter. Es wird durch die Entbindung noch mehr aktiviert und durch den engen körperlichen Kontakt des Neugeborenen mit seiner Mutter machtvoll verstärkt. Kunstvoll und gezielt also wird das Kind bereits im Mutterleib auf diejenige Frau programmiert, aus dessen Leib es schlüpfen wird! In seinem Gehirn ist das Gehör bereits so weit entwickelt, dass es mit der Stimme der Mutter schon vertraut ist, - ja sogar mit deren Melodie, bis hin zu den Liedern, die sie singt, sodass sogar die Muttersprache ihm nicht mehr fremd ist, wenn es geboren wird. Es weiß dann auch, wie Mutter schmeckt, bzw. ihre Milch; denn die empfindet es als ähnlich schmackhaft wie das Fruchtwasser vor der Geburt. Es ist der dem Neugeborenen längst bekannte Herzschlag, der es beruhigt und alle Mütter der Welt dazu veranlasst, das Kind vorrangig auf dem linken Arm und dort leibnah zu halten. Die Hormonforscher beschreiben es genau: Wenn das Baby an der Brustwarze saugt, löst es im Gehirn der Mutter explosionsartige Wellen von Oxytcin, Dopamin und Prolactin aus, und das geschieht ähnlich massiv im Gehirn des Säuglings, sodass durch diese Liebeshormone unmittelbar nach der Geburt die Bindung zwischen Mutter und Kind fest vernietet wird. Dieser Vorgang zieht sich dann allerdings während der weiteren Ausbildung des Gesichtssinns und der Einprägung der Sprache über die drei ersten Lebensjahre hin. Zunächst wird der Kontakt zur Mutter durch einen vom Kind immer wieder intensiv gesuchten Augenkontakt weiter vertieft. wie auch durch eine duale Vokalisation. Wenige Wochen nach seiner Geburt wendet sich das Kind der Mutter – sie gelegentlich geradezu anstarrend und dabei lustvoll brabbelnd - aktiv zu. Intensiv aufeinander bezogen - von beider Gehirn ausgehend - wird bei Mutter und Kind durch sie überschwemmende Hormone gegenseitige Liebe zum Fühlen gebracht und damit Bindung aneinander hervorgerufen, die das Kind in den ersten 54 Monaten seines Lebens vorrangig braucht. Und das wird auch dominant von ihm in Anspruch genommen, wenn man es dabei nicht stört. Vom positiven Erleben der frühen Jahre aber hängt die spätere Lern-und Leistungsfähigkeit ab. Darüber hinaus bedarf es der Entschleierung der seit neuestem fehlleitenden Schlussfolgerungen: Es ist ein lediglich partiell zutreffendes Argument, die jungen Frauen heute seien unfähig, ihre Babys und Kleinkinder so lange zu betreuen, so lange sie die Mutter zwingend nötig brauchen. Der Großteil der Kinder, die heute das Licht der Welt erblicken dürfen, sind Wunschkinder. Das Verhütungs- und Abtreibungszeitalter hat das traurigerweise bewirkt. Eltern, die ein erwünschtes Neugeborenes in ihren Armen halten, haben einen dominant in ihnen zur Verwirklichung drängenden Wunsch: Dass ihr Kind ein wunderbarer Mensch werden möge, gut, glücklich, tüchtig und erfolgreich. Kein Elternpaar mit Wunschkindern will sich lediglich fort- sondern es will sich hinaufpflanzen. Infolgedessen wäre es das Einfachste von der Welt, ihm zu vermitteln, wie das bewährte, neuerdings sogar von der Hirnforschung unterlegte Rezept, und die Grundvoraussetzung dazu heißt: Sie besteht in der gekonnten, opferbereiten Liebe der Eltern für ihr Kind, das in ihre Verantwortung gegeben ist. Eine solche Information müsste in allgemeiner Übereinstimmung und Akzeptanz allerdings als wissenschaftliche Wahrheit in der Gesellschaft, z. B. bereits in der Schule, einhellig gelehrt werden. Die Umsetzung bedürfte dann in einer humanen, echt demokratischen Gesellschaft mit dem gesunden Willen zu einer gedeihlichen Zukunft keiner Schwierigkeit: mit einer nachdrücklichen Pflege und Vorbereitung der Mütter während ihrer Schwangerschaft, mit einer finanziellen selbständigen Absicherung auch für ihr Alter, mit vielen Hilfen für sie, durch Familienhelferinnen, Fortbildungsmöglichkeiten und Privilegien beim evt. Wiedereinstieg jenseits der Familienphase. Das alles ist möglich und langfristig viel weniger kostenaufwendig als alle unangemessenen Künstlichkeiten; denn selbst in der Technik haben nur jene Modelle Erfolg, die präzise genug von der Natur abgelauscht wurden. Umkehr in unserem maroden Land ist machbar, erkennten wir nur: There is no other way to future! |